Startseite

17 Kulturwege
508 Einträge
mit 1723 Fotos

Aktuelles
Verschollenes

Historische Galerie
Fotogalerie
Veränderungen
Fotospaziergänge

Fotos ges.: 5627

Zufallsbild

Uferstraße

Werbung
Rosenkalender 2020

Werbung
Kindheit


Werbung


Vorheriger Beitrag    Nächster Beitrag


Spaziergänge zu unterschiedlichen Jahreszeiten im Heimatpark Weißagk
31.12.2015 10:01 - Gerd Laeser

Zum Ansehen der Fotos in der Bilderstrecke auf eines der Fotos klicken

Ende 1985 hörte das Dorf Weißagk auf zu existieren…
Die durch Straßenbauarbeiten und Ausdehnung unserer Erkundungen in der deutschen und polnischen Niederlausitz im Geiste Theodor Fontanes und seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ entstandene Situation brachte es seit 2009 mit sich, dass wir Niederlausitzer Wandergurken für die Zufahrt von Lübbenau in das Gebiet westlich und nördlich von Forst sowie die Fahrt zu unseren polnischen Nachbarn mehr und mehr die von der alten Forster Landstraße (L 49) abzweigende Straße über (früher Adlig) Dubrau, Gosda (mit Querung der früheren Post- und Handelsstraße Cottbus-Forst) und Mulknitz nutzten.

So lernten wir den 2005 errichteten und eingeweihten Weißagker Heimatpark kennen. Wir rasteten an diesem schönen Ort mehrfach mit unseren Wandergästen, der an den einstigen Standort des Dorfes Weißagk und an die Menschen erinnert, die hier lebten. Bei mitgebrachtem Kaffee und Kuchen tauschten wir Gedanken darüber aus, was wir zuvor auf den Info-Tafeln über das einstige Dorf gelesen hatten, der dem Tagebau Jänschwalde weichen musste, oder aus eigenem Erleben als Beschäftigter des damaligen BKW Jugend oder Betroffene eines ebenfalls zur Devastierung vorgesehenen anderen Dorfes noch in Erinnerung hatten…

Dörfer mit dem Ortsnamen Weißagk gab es früher vier in der Niederlausitz, wenn auch mit unterschiedlicher Schreibweise untereinander oder in historischer Abfolge. Das westlichste Dorf mit dem Namen Weißack (niedersorb. Wusoka) liegt nordwestlich von Crinitz und gehört heute zur Gemeinde Heideblick. Ein weiteres Weißag bei Calau gehörte und gehört zu den so genannten Plinsdörfern (wegen der schmackhaften Buchweizenplinse) und ist heute Ortsteil der Gemeinde Luckaitztal. Ein drittes Weißagk bei Vetschau, wurde 1937 im Zuge der Eindeutschung sorbisch/wendischer Orts-, Flur- und Gewässernamen in Märkischheide umbenannt und als solches 1959 nach Vetschau eingemeindet sowie schlussendlich das vierte Weißagk, welches 1985 der Braunkohleförderung weichen musste, bis 1945 zum Landkreis Sorau gehörend (eigentlich bis 1946, denn ein „Beschluss des Präsidiums der Provinzialverwaltung Mark Brandenburg über die Auflösung des Restkreises Sorau und Änderung der Grenzen der Landkreise Cottbus und Spremberg sowie des Stadtkreises Forst“ wurde erst im Verordnungsblatt der Provinzialverwaltung Mark Brandenburg Nr. 14 vom 23. September 1946 veröffentlicht).

Die Chronik „Das Dorf Weißagk von seinen Anfängen bis zum Jahre 1975“ (Autoren Richard Ihlo und Wilfried Scholze, unter Mitarbeit von Max Balde als Verfasser des vor- und frühgeschichtlichen Abschnittes), von der ein Exemplar nicht ohne Grund auch in unserem Bücherregal steht, enthält am Schluss eine Übersicht, welche Einwohner (gleichen Namens) 1971 in Weißagk lebten. Es ist also eine etwa noch weitere 15 Jahre ältere Erhebung. Sie lässt auch Rückschlüsse zu auf den Anteil der damals, also 1971, im Ort lebenden Menschen mit sorbisch/wendischen Wurzeln. An sie alle möchte dieser Beitrag 30 Jahre nach Auflösung der Gemeinde Weißagk erinnern:

Aldermann (4), Altmann (3), Antonewitz (5), Balzke (4), Bellgardt (1), Berendt (11), Berthold (7), Birlack (7), Blobel (1), Böhm (5), Bölke (1), Brake (3), Branke (1), Bräuer (5), Briesemann (7), Britze (6), Brix (3), Brüggen (1), Brülke (4), Buder (7), Budeus (1), Bukowski (3), Bulke (1), Casper (1), Deichsel (4), Dischmann (6), Dittler (1), Dittmar (3); Dobry (1), Fedrich (3), Feurich (2), Fidorra (4), Fischer (4), Fleischer (2), Forth (1), Franz (1), Frenzke (3), Friedrich (2), Gippner (4), Gnade (4), Goral (22), Graske (1), Gröschke (5), Halke (1), Haldermann (2), Hammer (3), Hampel (2), Happich (4), Harnasch (1), Hauschild (1), Heine (3), Hoffmann (4), Iwanoff (5), Jäkel (7), Janz (3), Jurga (3), Just (1), Kallenbach (4), Kamenk (1), Kanter (1), Kleiner (1), Kleinfeld (1), Kluge (3), Koalick (8), Kochan (3), Kollmann (5), Kommolk (1), Konrad (3), Koska (1), Koinzack (7), Köhler (4), Krause (6), Krauße (2), Kretschmann (2), Kuhle (5), Laake (8), Lang (4), Laurischk (2), Lehmann (22), Lerke (9), Liebick (2), Liebig (2), Loof (1), Mahro (5), Marko (2), Matschke (4), Mehnert (2), Merting (5), Metag (1), Möbus (3), Möbisch (1), Mösche (1), Mrose (4), Mudrack (8), Müller (5), Najork (7), Neumann (3), Noack (12), Paulick (4), Peppernick (3), Perl (9), Piazena (3), Pietsch (3), Pischel (2), Postel (2), Prüfer (1), Puder (13), Rehnisch (4), Reuter (1), Richter (8), Rogosky (7), Rohner (2), Romberg (4), Röhrs (2), Sagroda (2), Salan (2), Sander (2), Sawall (12), Scharroba (7), Scheppan (6), Schiedeck (2), Schimpitz (2), Schmidt (9), Schneider (2), Schröder (5), Schulze (8), Segler (2), Simmang (7), Starick (7), Tschache (1), Unger (3), Warkocz (2), Weberchen (15), Werner (3), Worreschk (5).

Die Namen in der Übersicht (Anzahl der Personen mit dem betreffenden Namen in der Klammer) wurden mehrfach ausgezählt und abgeglichen, um niemanden zu vergessen. Zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte des Einzelnen wurden jedoch bewusst keine Vornamen genannt.


Eines der hier veröffentlichten Fotos (vom 9. Mai 2010 bzw. 24. Oktober 2015) ist nicht vom Heimatpark und von der Karte auf einer der Info-Tafeln im Heimatpark abfotografiert (Fotos 2 und 3). Es ist der Schutzumschlag besagter Chronik. Lässt man jedwede, in den 1970er Jahren gängige Agitation, in dieser Chronik weg, so wird diese, den historischen Gehalt betreffend, übersichtlicher. Liest man von Zeit zu Zeit darin, wird einem immer wieder bewusst, dass uns das „aufgeschriebene Wort“ auch heute noch sehr viel zu sagen hat.

Erinnert sei in dem Zusammenhang hier besonders an einen heute über 10 Jahre alten Beitrag in der Forster Lokalausgabe der Lausitzer Rundschau vom 21.12.2005 „Als Weißagk vor 20 Jahren aufhörte zu existieren“, der die Situation 1985 zusammenfasst. Unser Dank gilt dem Autoren Gerd Kundisch für die Erlaubnis zur nochmaligen Veröffentlichung hier im Online-Portal Kultur- und Kunstwege in Forst (Lausitz):

[Als das Dorf Weißagk 1985 geräumt wurde, weil es dem Braunkohlebagger weichen musste, gaben rund 380 Einwohner ihre Heimat auf – das ist zwanzig Jahre her. In der vergangenen Woche waren rund 80 ehemalige Weißagker dabei, als in der Nähe der Ortslage ihres ehemaligen Dorfes die Einweihung des Heimatparks stattfand, den der Heimatverein initiiert hatte (die RUNDSCHAU berichtete).

Als sich im Dezember 1985 die Gemeindevertreter von Weißagk mit ihrem Bürgermeister Günter Dubrau zum letzten Mal gemeinsam in der Forster Gaststätte Mexiko zu einer feierlichen Sitzung trafen (die Gaststätte wurde Anfang der 1990er-Jahre ebenfalls abgerissen), kam allerdings keine festliche Stimmung auf. Denn die Devastierung des Ortes war bereits in vollem Gange. Wie es damals offiziell hieß, galt es, einen großen Plan aus dem Jahre 1971 zu verwirklichen, an „...dessen Realisierung alle Bürger unseres Landes mitarbeiten“.

Die Einwohner der Gemeinde Weißagk waren aufgerufen, „...in neuer Gemeinschaft an diesem großen Werk teilzuhaben.“ Nachdem Heiligabend 1985 der letzte Gottesdienst in der Kirche stattgefunden hatte, wurde im Januar 1986 die Zufahrtsstraße gesperrt und die Deutsche Post stellte ihre Zustellungen ein. Im Schaukasten des Gemeindebüros forderte sie mit einem Aushang die Bürger auf, die Postsendungen, Zeitungen und Zeitschriften in der Gaststätte Berthold abzuholen. Der Ort glich bald einem Geisterdorf, alles Brauchbare wurde entweder von den einstigen Besitzern mitgenommen, anderweitig verwertet oder gar gestohlen.

Schon bald war das Ortseingangsschild nicht mehr vorhanden. Das Denkmal für die Opfer des 1. Weltkrieges lag in Trümmern und die Häuser verschwanden nach und nach. Es schien, dass fast nichts mehr an das Straßenangerdorf erinnerte. Nur einige Kirschbäume der ehemals weithin bekannten Plantagen trotzten dem Bagger und begannen im Frühjahr immer wieder aufs Neue zu blühen.

Weißagk war ein Jahrhunderte altes Dorf, es wurde in der Kolonisationszeit des 13. Jahrhunderts gegründet. Als Gründungsdatum wird 1384 oder 1389 vermutet. Seit 1504 war es im Besitz der Herren von Bomsdorf. Im Jahr 1634 wurde es von Brandenburger Hauptleuten aus Cottbus geplündert. Rund 70 Jahre später zählte der Ort 13 Bauern sowie 12 Büdner (Halbbauern). 1777 gehörten 14 Großbauern, 10 Halbhüfner (Hufe = altes Flächenmaß), 16 Gärtner und drei Häusler (Dorfbewohner ohne Land) dazu.

Die bis zur Devastierung vorhandene Kirche wurde im Jahr 1813 aus Feldsteinen und Ziegelecken mit einem östlich abgewalmten Satteldach neu errichtet. Wie es in zeitgenössischen Berichten heißt, besaß der Turm seine damalige Form bereits im 17. und 18. Jahrhundert. Vor und während des Abrisses der Kirche im Frühjahr 1987 erfolgten archäologische Grabungen der Bodendenkmalpflege. Dabei zeigten sich in dem aus Lehm gestampften Fußboden verschiedene Verfärbungen, die als Brandstellen gewertet werden konnten und wahrscheinlich von einem Kirchenbrand aus früheren Zeiten stammten. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche vermutlich beschädigt, so die Schlussfolgerungen.

Bei der weiteren Freilegung des Fußbodens im Kirchenschiff kam zu Tage, dass im Laufe der Jahrhunderte wesentliche Veränderungen vorgenommen worden sein mussten. An der Westseite zeigten sich zahlreiche Gräber, die offensichtlich vom alten Friedhof stammten. Die Kirche war demnach ursprünglich kleiner, weil Holzpfosten durch einige Gräber getrieben waren. Die Archäologen zogen den Schluss, dass das Gotteshaus im Laufe seines Bestehens mehrfach umgebaut worden war.

Die älteren Weißagker haben den baulichen Zustand des Kirchturmes aus dem Jahr 1945 noch in Erinnerung. Weil die Spitze des Turmes in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges für die feindlichen Einheiten einen markanten Punkt darstellte, wurde dieser am 15. März 1945 von Wehrmachts- und SS-Truppen gesprengt. Das Gemäuer widerstand den Sprengladungen teilweise. Der Turm war rissig und brüchig, eine Feldsteinmauer mit einer Stärke von eineinhalb Metern wurde zum Einsturz gebracht. Weil nicht nur der Turm, sondern auch das Gebälk der Sprengung im weitesten Sinne widerstand, musste es abgesägt werden.

In den Jahren 1952/53 erhielt die Kirche einen neuen Turm. Die Erinnerungen an Weißagk leben in den Gedanken der ehemaligen Einwohner fort. Der Heimatpark ist ein Stück, das der Geschichtsbewahrung dient. Gleichzeitig wird auf Schautafeln auch an die umgesiedelten Einwohner der einstmals benachbarten Orte Klinge (1980), Klein Bohrau (1986) und Klein Briesnig (1987) gedacht.] So weit der Wortlautt dieses Beitrages.

Und wenn man die Headline eines Beitrages von Angelika Hanschke „Ehemalige Weißagker feierten Wiedersehen…“, veröffentlicht am 9. Mai 2011 in der LR Forst, in das Suchfenster der LR-Online eingibt, so kann man diesen Beitrag und einen weiteren von ihr am 6. Mai 2013 in der LR Forst über die Geschichte der Weißagker Heimatfeste sowie deren Erlebnisse in ganzer Ausführlichkeit heute noch lesen.

Schön, dass der Weißagker Heimatpark bis heute immer in gepflegtem Zustand war, Jedenfalls, wenn wir vorbei kamen - dank der Initiative der ehemaligen Weißagker und der Organisation „größerer“ Pflegearbeiten durch die Forster Stadtverwaltung, wie wir aus berufenem Munde erfahren haben. Das ist heutzutage leider nicht immer und überall so, also durchaus keine Selbstverständlichkeit. Ein Spaziergang durch den kleinen Park lohnt sich also immer wieder und zu jeder Jahreszeit - wider das Vergessen.

Leider ist die Clausthaler Studie von 2007 mit der Lagerstätte Forst (Hauptfeld) in der Bonität A und der vorgesehenen Devastierung von Naundorf, Sacro, Neu Sacro, Bohrau, Mulknitz, sowie Groß und Klein Jamno noch nicht endgültig durch den Reißwolf, sondern nur in der Schublade. Und auch Jänschwalde-Nord ist noch nicht vom Tisch…

Die Geschichte von Kathlower Mühle, Klinge (teildevastiert), Buschmühle (devastiert), Gosda, Mulknitz, Grießen, Taubendorf, Kerkwitz, Atterwasch und Grabkow haben wir im Fontaneschen Sinne erwandern können. Für Weißagk bleiben uns nur die Chronik, der Heimatpark, Print- und elektronische Medien, besonders auch die Erzählungen der ehemaligen Weißagker sowie Archive z.B. das der verschwundenen Orte.

Braunkohleverstromung war die Technologie des 19. und 20. Jahrhunderts für die Energieerzeugung und ist nicht mehr die Technologie des 21. Jahrhunderts, auch nicht als „Hintertürchen“ mit der so genannten Brückentechnologie geeignet. In Brandenburg und Deutschland wurde es nämlich seit 25 Jahren versäumt, gründlich über die Zeit der Energieerzeugung nach der Braunkohle nachzudenken. Und das müssen nun auch die Menschen ausbaden, die heute noch in der Kohle und in den Kraftwerken arbeiten bzw. in den Dörfern wohnen, die noch zur Devastierung vorgesehen sind. Verpasste bzw. verstrichene Zeit ist schlecht auf- oder nachholbar…!

Ehren und bewahren wir das Andenken an jene einstigen Einwohner, die heute nicht mehr unter den Lebenden sind. Ziehen wir endlich die notwendigen politischen und ökonomischen Schlussfolgerungen aus dieser Führungskrise. Danken wir alle immer wieder denen, die das historische Erbe dieser Gemeinde Weißagk und die Erinnerungen der einzelnen Bewohner des Dorfes bis in das Heute getragen haben und auch weiter in die Zukunft tragen werden. Es gehört zum Gold unserer Niederlausitzer Geschichte und ist somit ein wertvolles Kulturgut!

Gerd Laeser
-Gästeführer Niederlausitz-
und Frau Edeltraud

Lübbenau/Spreewald, am 30.12.2015




Vorheriger Beitrag    Nächster Beitrag
 
Werbung